Mit einer bewegenden Feierstunde wurden am 17. Juni 2026 die neuen Gedenk- und Erinnerungstafeln auf der Kriegsgräberstätte Wesuwe eingeweiht. Entstanden sind sie im Rahmen eines Schulprojekts des Gymnasiums Haren in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Esterwegen und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Über ein Schuljahr hinweg recherchierten Schülerinnen des 11. Jahrgangs die Geschichte des ehemaligen Lagers Wesuwe als Teil der 15 Emslandlager und entwickelten neue Informationstafeln, die Besucherinnen und Besuchern künftig einen vertieften Zugang zu diesem Erinnerungsort ermöglichen. Besonders wichtig war hier auch die Verankerung eines QR-Codes, über den Besucher und Besucherinnen sich über die Arbeit und den Lernprozess der Projektgruppe, aber auch über die Bedeutung des Überlebens im Lager Wesuwe informieren können.
Bereits zu Beginn der Veranstaltung setzten Fanny Andrees, Jana Hagen und Merle Heymann einen besonderen Akzent: Gemeinsam mit Schulleiterin Dunja Gerdes und ihrer Geschichtslehrerin und Projektleiterin Katrin Kleesiek-Herding trugen sie das emotionale Gedicht „Eine Geschichte für die Heimkehr“ der ukrainischen Schriftstellerin Viktoria Amelina vor. Die Worte der 2023 bei einem russischen Raketenangriff tödlich verletzten Autorin schlugen eine eindrucksvolle Brücke zwischen den historischen Erfahrungen von Krieg, Unrecht, Verfolgung und Vertreibung im Nationalsozialismus und den aktuellen Folgen des russischen Angriffskrieges Krieges in der Ukraine.


Warum gerade dieses Gedicht den Auftakt bildete, erläuterten die Schülerinnen anschließend selbst. Für sie sei der 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung der Ausgangspunkt gewesen, um die Bedeutung ihres Projekts zu verstehen. Erinnerung, so betonten sie, richte sich nicht nur auf die Vergangenheit. Sie bedeute ebenso, heute Verantwortung für Frieden, Demokratie und Menschenwürde zu übernehmen. Viktoria Amelinas Gedicht mache deutlich, dass Krieg nicht nur Städte zerstöre, sondern auch Biografien, Erinnerungen und Heimat – und dass genau deshalb Erinnerungskultur niemals abgeschlossen sei.
Besonders eindrucksvoll schilderten die Schülerinnen, wie sehr sie die historische Recherche verändert hat. Die Beschäftigung mit den Quellen habe ihnen vor Augen geführt, dass sich hinter jeder Zahl ein Mensch mit Hoffnungen, Ängsten und einer eigenen Lebensgeschichte verbarg. Die unmenschlichen Bedingungen im Lager Wesuwe und das Leid der dort inhaftierten Menschen seien für sie kaum vorstellbar gewesen. Aus dieser Erkenntnis sei die Verantwortung erwachsen, Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und sich aktiv für Menschlichkeit, Toleranz und Demokratie einzusetzen. Erinnerung, so ihr Fazit, sei nur dann wertvoll, wenn sie in die Zukunft wirke.
Schulleiterin Dunja Gerdes hob in ihrem Grußwort die besondere Bedeutung des Projekts hervor. Sie erinnerte daran, dass die Auseinandersetzung mit der Kriegsgräberstätte in Haren eine lange Tradition in Haren habe und knüpfte damit bewusst an die Erinnerungsarbeit der Nachkriegsgeneration an. Erinnerungsorte wie Wesuwe ermöglichten es jungen Menschen, die Folgen von Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung zu verstehen und zugleich den Wert von Freiheit und Demokratie zu erkennen. Der Projektgruppe sprach sie ihren Respekt und ihren Dank für ihre intensive historische Arbeit aus. Durch ihr Engagement sei die Kriegsgräberstätte zu einem Ort geworden, der Besucherinnen und Besuchern Geschichte verständlicher und persönlicher vermittle. Katrin Kleesiek-Herding dankte der Schulleitung im Namen der Projektgruppe für die wertvolle Unterstützung und tatkräftige Begleitung des Projekts, womit viele Kernbereiche der Arbeit der Schülerinnen erst möglich werden konnten.
Begleitet wurde das Projekt von den Historikern der Gedenkstätte Esterwegen, Dr. Martin Koers und Jacqeline Meurisch, die die Schülerinnen mit der historischen Quellenarbeit vertraut machten und wichtige Impulse bei der Texterstellung und der Entwicklung der Gedenktafeln gaben. In Kooperation mit ihnen sei ein Projekt realisiert worden, das wissenschaftliches Arbeiten mit persönlichem Engagement verband.
Gemeinsam mit den Schülerinnen festigte sich die Idee, das Gedicht von Viktoria Amelina in die Einweihungsfeier einzubeziehen. In ihrer Einführung erinnerte die Projektgruppe an Amelinas Wirken als Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin, die Kriegsverbrechen dokumentierte und den Opfern von Gewalt eine Stimme gab. Ihr Andenken bewusst in die Feierstunde einzubeziehen, machte deutlich, dass historische Erinnerung und aktuelle Verantwortung untrennbar miteinander verbunden sind und betonte damit die Arbeit und Bedeutung der Gedenkstätte Esterwegen.


Landrat Marc-Andre Burgdorf appellierte an die daraus resultierende Verantwortung für die Gegenwart und mahnte dazu, die Demokratie und die freiheitliche Grundordnung zu schützen und sich aktiv für Menschen- und Grundrechte einzusetzen. Als Bürgermeister der Stadt Haren blickte Markus Honnigfort in seinem Beitrag auf die Bedeutung der regionalen Erinnerungskultur und das Bewusstsein über die Verbrechen im Nationalsozialismus. Dabei erinnerte er auch an die schwierige Bearbeitung der Zeit Harens als polnisch verwaltetes Maczków von 1945-1948. Dr. Martin Koers als Leiter der Gedenkstätte Esterwegen lobte ebenfalls das besondere Engagement der Schülerprojektgruppe. Ihre Arbeit für die Gedenktafeln bedeute für die familiengeschichtliche Forschung eine hohe Relevanz und ermögliche den Angehörigen der in Wesuwe verstorbenen Inhaftierten einen Ort, der bewusst gesucht werde.
Zum Abschluss bedankten sich die Schülerinnen bei allen Projektpartnern und bei ihrer Projektleiterin Frau Kleesiek-Herding. Mit außergewöhnlichem Engagement, viel Zeit und Herzblut habe sie nicht nur fachlich begleitet, sondern ihnen auch vermittelt, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für die Gegenwart sei. Das Projekt, so betonten die Schülerinnen, sei insbesondere auch durch die finanzielle und ideelle Unterstützung der Stadt Haren, des Ehemaligen- und Fördervereins des Gymnasiums Haren sowie des Heimatvereins Wesuwe realisiert worden und habe eindrucksvoll die sehr gute Zusammenarbeit in der Region deutlich gemacht.
Die neuen Gedenktafeln machen die Kriegsgräberstätte Wesuwe künftig zu einem noch stärker erschlossenen Lern- und Erinnerungsort. Sie sind zugleich Ausdruck dessen, was Schule leisten kann: junge Menschen dazu zu befähigen, Geschichte kritisch zu erforschen, Verantwortung zu übernehmen und Erinnerung lebendig zu halten.

