Auf den Spuren von Leo Meijer, Anne und Margot Frank: Jahrgang 10 besucht die niederländische Gedenkstätte Kamp Westerbork

Kurz nach den Osterferien fuhr der gesamte Jahrgang 10 unter Begleitung von Frau Kleesiek-Herding, Herrn Vogel und Frau Wille nach Westerbork in den Niederlanden und besuchte die Gedenkstätte Kamp Westerbork, um die Geschichte vor Ort greifbar zu machen, die im Geschichtsunterricht bereits intensiv behandelt wurde. Nadja Angrick, Lykka Herding und Johanna Schumacher unterstützen unsere Lehrer mit der Ausgestaltung der Projektarbeit vor Ort.

In Westerbork befand sich etwa zu der Zeit, als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht ergriffen, ein Flüchtlingslager, das nach dem Überfall von Deutschland auf die Niederlande umbenannt wurde in „Polizeiliches Judendurchgangslager Westerbork“. 

Von dort aus fuhren vom Juli 1942 bis September 1944 93 Deportationszüge zu den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau, Sobibor, Theresienstadt und Bergen-Belsen, mit insgesamt ca. 102.000 Insassen. Nur etwa 5.000 von ihnen haben überlebt. Deportiert wurden vor allem niederländische Juden, deutsche und österreichische jüdische Flüchtlinge, Sinti und Roma und politische Gefangene. Die meisten blieben jedoch nicht lange im Lager Westerbork, sondern wurden schon nach ein paar Tagen erneut deportiert. Andere blieben dort Wochen bis Jahre.

Um die Erlebnisse der Exkursion festzuhalten und das Erlebte zu reflektieren, haben Alea und ich uns gegenseitig interviewt.

Alea: „Sag mal, wie fandest du die Exkursion nach Westerbork eigentlich? Wir haben das Thema ja schon im Unterricht besprochen, aber vor Ort war das nochmal ein ganz anderes Gefühl, oder?“

Greta: „Absolut. Ich muss ehrlich sagen, ich habe vorher einiges falsch eingeschätzt. Ich wusste, dass Westerbork ein Lager der Nationalsozialisten war, in das Juden und andere Gefangene gebracht wurden. Ich dachte aber immer, Westerbork wäre ein Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau gewesen, aber es war ein Durchgangslager. Dass es eigentlich als Flüchtlingslager für Menschen begann, die vor den Nazis aus Deutschland und Österreich geflohen waren, wusste ich gar nicht.“

Alea: „Stimmt, das ist fast das Bitterste daran, dass Menschen dort Schutz suchten und es nach dem Überfall der Deutschen auf die Niederlande zum „Polizeilichen Judendurchgangslager“ wurde. Mich hat der Westerbork-Film, den wir zuerst im Museum gesehen haben, total schockiert. Diese Aufnahmen von Rudolf Breslauer, dem Lagerinsassen … Er hat im Auftrag des Lagerkommandanten Gemmeker den Alltag im Lager gefilmt.“

Greta: „Ja, das wirkte fast schon surreal. Die Menschen beim Sport, das Theater, die Arbeit in den Werkstätten. Es sah nach außen so ‚normal‘ aus. Aber wenn man dann hört, dass diese Normalität nur eine Illusion war, damit die Leute ruhig bleiben, bis der nächste Zug kommt … das war wirklich schrecklich zu hören. Im Video deutete nichts daraufhin, was für eine große Angst die Menschen hatten. Immerhin wurde es als „Tor zur Hölle“ bezeichnet.“

Alea: „Genau, das meinte der Guide auch: Wer im Fußballteam war oder im Krankenhaus arbeitete, bekam Privilegien. Man war kurzzeitig von der Deportationsliste gestrichen. Das war purer psychischer Stress. Das Modell im Museum hat mir auch erst mal gezeigt, wie riesig das Gelände war. Das habe ich mir nicht so groß vorgestellt. Hast du das Gleisstück gesehen, das dort noch liegt? Es steht für die Züge, die zwischen 1942 und 1944 Richtung Osten rollten.“

Greta: „Ja, stimmt. So viele Menschen waren dort drin. Und nur so wenige haben überlebt. Das wird erst richtig greifbar, wenn man vor den 102.000 Steinen steht, oder? Als wir über das ehemalige Lagergelände gelaufen sind, sind wir nämlich an einem Denkmal vorbeigekommen. Dort liegt für jede deportierte Person ein Stein. Das fande ich sehr bewegend. Was war für dich am emotionalsten?“

Alea: „Da fällt mir zuerst die Geschichte von Leo Meijer wieder ein, die uns erzählt wurde. Er war der Sechsjährige, der die Briefe geschrieben hat. Leo hat eine Weile mit seiner Familie in Westerbork gelebt. Er fand es dort so unheimlich. Mit neun wurde er dann über Theresienstadt nach Auschwitz geschickt und ermordet. Nur sein Vater blieb übrig. Dank ihm wissen wir heute von Leos traurigem Schicksal. Was ist deiner Meinung nach das Fazit unseres Besuchs?

Greta: „Es ist wichtig, dass wir dort waren. Die Opfer des NS-Regimes dürfen nicht vergessen werden. Wenn man einen Stein sieht, der für ein Kind wie Leo steht, merkt man, dass wir niemals zulassen dürfen, dass Geschichte sich so wiederholt.“

Im Rahmen ihres Seminarfachs haben die Abiturientinnen Nadja Angrick, Lykka Herding und Johanna Schumacher den Comic „Zwischen den Gleisen – Auf den Spuren von Anne Frank“ entwickelt, der sich mit dem Leben und Schicksal von Anne Frank und ihrer Familie befasst. Er geht der Frage nach, was wir über ihr Schicksal nicht wissen (können) oder nur im Ansatz wissen können.

Nadja, Lykka und Johanna hatten sich in den letzten Monaten mit der Deportation der Familie Frank beschäftigt und, ausgehend von Annes Tagebuch und dem aktuellen Forschungsstand zur Route nach dem Verlassen von Westerbork in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten, ausführlich recherchiert. Sehr wahrscheinlich sind Anne und Margot sowie die weiteren Versteckten im Hinterhaus über die Strecke Bad Bentheim/Osnabrück deportiert worden.

In ihrem Comic lassen Nadja, Lykka und Johanna die beiden Protagonistinnen des Comics eintauchen in die Phase der NS-Vernichtungspolitik und versuchen sich so über Berichte von Überlebenden der Shoah der Brutalität in den Lagern anzunähern. Die Frage nach der Relevanz für die heutige Erinnerungskultur, insbesondere dann, wenn die letzten Zeitzeugen verstummt sind, prägte die Arbeit im Seminarfach.

Bereits während der Fahrt in die Niederlande beschäftigten wir uns mit dem Comic. Nach dem Programm im Erinnerungszentrum Westerbork durften wir den Comic lesen und zur Vertiefung Aufgaben dazu in dem von Nadja, Lykka und Johanna eigens dafür erstellten Arbeitsheft bearbeiten – ein sehr gelungener Abschluss für diesen informativen Tag. Damit konnten wir die Erzählungen und Erinnerungsstücke über Margot und Anne Frank, die ja sehr spät, nach ihrer Entdeckung im Hinterhaus, im Lager Westerbork inhaftiert wurden, noch intensiver nachvollziehen. Anne und Margot sind in Westerbork präsent und immer als Teil einer riesigen Gruppe, die die Nationalsozialisten ermordet haben. Im August 1944 wurde das Versteck in Amsterdam verraten und in Westerbork mussten Anne und Margot in der Batterien-Abteilung arbeiten. Am 2. September wurden die Familien Frank und van Pels beim Appell zum Transport in das KZ Auschwitz ausgewählt. Beide Familien waren im letzten Zug, der von Westerbork nach Auschwitz gefahren war. Anne war kurz zuvor 15 Jahre geworden und entging damit dem direkten Tod. 549 der 1019 Deportierten des Zuges, darunter alle Kinder unter 15 Jahre, kamen direkt in die Gaskammern.

Damit haben wir den Anne-Frank-Tag, der in diesem Jahr mit weiteren Schülern und Schülerinnen aus Jahrgang 11 und 5 am Gymnasium am 12. Juni 2026, dem Geburtstag von Anne Frank, erstmals begangen wird, für uns emotional vorbereitet. Die Erinnerung und Mahnung der Getöteten und Überlebenden aus dem niederländischen Westerbork tragen wir so als Zweitzeugen weiter.

Wir danken den drei Abiturientinnen sehr herzlich für ihr großes Engagement, das uns sehr beeindruckt hat.

Alea Connemann und Greta Müller (10c, 2025/26)