„Gegen das Vergessen“ heißt auch: nicht schweigen. Luigi Toscano zu Gast am Gymnasium Haren

Am Montag, 26. Oktober, durften wir den Fotografen und Künstler Luigi Toscano an unserer Schule begrüßen. Vor einigen Wochen hatten wir seine Ausstellung „Gegen das Vergessen“ auf dem Schulhof gezeigt, die unsere gleichnamige Projektgruppe mit QR-Codes über die Lebensläufe und Erinnerungen der porträtierten Überlebenden der Shoah ergänzt hat. Nun saß der Künstler selbst bei uns in der Schulbibliothek unserer Schule und die Projektgruppe moderierte das 2 ½-stündige Gespräch mit einer Vielzahl von intensiven Fragen, unterstützt mit den Schülern und Schülerinnen aus dem Leistungskurs Geschichte von Frau Kleesiek-Herding. Anlass für Luigi Toscanos sehr spontanen Besuch in Haren war auch seine aktuelle Lesereise mit dem Buch „Kanakenkind“, die ihn am 28. Oktober nach Leer führen wird.

Eindrücklich erzählte Toscano, was ihn antreibt. Seine Porträts von Überlebenden des Holocaust geben Menschen ein Gesicht, die nicht vergessen werden dürfen. Er berichtet, wie er diesen Menschen begegnet ist, wie sehr ihn diese Gespräche auch selbst erschüttert haben und ihn die historische Suche nach der Wahrheit oft an persönliche Grenzen gebracht hat. Seine Kindheit verlief alles andere als leicht: Als Sohn sizilianischer Einwanderer erlebte er Ausgrenzung und wuchs unter schwierigen Bedingungen auf. Offen sprach er darüber, wie ihn diese Erfahrungen geprägt haben und welchen Weg er seitdem gegangen ist, bis zu einem international beachteten Künstler, dessen Arbeit mit der Rolle als UNESCO Artist for Peace gewürdigt wurde. Seine Botschaft an unsere Schülerinnen und Schüler: Herkunft und Startbedingungen bestimmen nicht, was aus einem Menschen werden kann.

Besonders berührend war es, als er von seiner Freundschaft zu Albrecht Weinberg erzählte. Der Holocaust-Überlebende aus Leer, der im Mai 2026 im Alter von 101 Jahren gestorben ist, war Toscano eng verbunden. Gemeinsam setzten sie sich für Erinnerung und Demokratie ein. Als die Union im Januar 2025 im Bundestag mit Stimmen der AfD einen Antrag zur Migrationspolitik durchsetzte, kündigten beide aus Protest an, ihre Auszeichnungen des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland zurückzugeben. Toscano sprach offen über diesen Schritt, über seine Sorge vor dem Erstarken rechtsextremer Kräfte und über seine klare Haltung gegen Antisemitismus, Rassismus und jede Form von Fremdenfeindlichkeit. Für ihn ist Erinnerung kein Rückblick allein, sondern ein Auftrag für die Gegenwart. „Bildung ist das stärkste Geschenk, das wir bekommen können. Nutzt es! Ohne Bildung geht es nicht“, gab er den Schülerinnen und Schülern als Denkanstoß mit auf den Weg.

Beeindruckt hat uns auch, wie wertschätzend und emotional getragen er mit jungen Menschen ins Gespräch kommt. Er ist ein wunderbarer Erzähler, er spricht auf Augenhöhe und nimmt die Fragen der Jugendlichen ernst. So entstand ein Gespräch, das nachwirkte: Die Projektgruppe war sehr berührt und fast schien es so, als wollten sie ihn kaum wieder ziehen lassen.

Wir danken Luigi Toscano sehr herzlich für seine Zeit, seine Offenheit und die wertvollen Anregungen. Seine Arbeit macht Mut, Erinnerung nicht den Archiven zu überlassen, sondern sie als Haltung weiterzutragen. Genau dazu möchte unsere Projektgruppe „Gegen das Vergessen“ auch in Zukunft beitragen.

Auch ems TV war vor Ort und hat einen Beitrag in den ems TV News vom 27.10.2026 ausgestrahlt:
ems TV News I 27.10.2026 – ems TV (ab Minute 10:03)

K. Kleesiek-Herding